Hamburg 304.Tag

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Wieder aufgerissene Wunden schmerzen am heftigsten.

Nein, diesmal handelt es sich nicht um psychische Schmerzen. Ich bin mit einem Auto vom Fahrrad geholt worden und liege jetzt im schlimmsten Krankenhaus von Hamburg (St.Georg). Ich gebe zu, ich kenne kein anderes hier und vorher hatte ich auch noch keine 6 Rippenbrüche mit einem kaputten Brustwirbel. Hinzu kommt meine Lunge ist lädiert und ich könnte manchmal vor Schmerzen aus dem Fenster springen (ich kann bloss nicht aufstehen).

Als mich das Auto vor ca 48 Stunden rammte, dachte ich mein Leben wäre jetzt vorbei. Ich flog einige Meter durch die Luft und landete auf der linken Seite meines Rückens. Sofort war eine Menschentraube um mir herum und gleich 2 Ärzte boten sich an mich zu retten. Ich wußte nicht was mit mir war, ich konnte sämtliche Gliedmaßen noch bewegen, aber aufstehen ging nicht.

Die Leute um mir herum waren sehr freundlich, sogar ein Krankenwagen der zufällig vorbei kam wollte mir helfen. Dann kam der Richtige und nach dem ersten Schmerzensschrei war ich auf der Trage, die beiden Sanitäter entschieden sich für das St. Georg...

Ich konnte nicht viel von dem Haus sehen, als der blaue Himmel weg war, wußte ich, ich bin in der Notaufnahme. Die Atmosphäre war kumpelhaft freundschaftlich, jeder zweite hatte ein Tatoo...

Ganz neu für mich war, in einem Krankenhaus darf man ein Mobiltelefon benutzen, von da an lag mein iPhone auf meinem Bauch und ich hielt es fest umklammert, wie durch ein Wunder blieb es unverletzt.

Zuerst ging es zum Röntgen, eine Tortur die immer wieder gleich ist. Der Arzt weiß nicht wie schwer der Schaden ist und verlangt komische Verengungen obwohl man eigentlich ganz still liegen sollte. Nach diesen ersten schmerzvollen Erfahrungen sollte ich endlich wissen, was mit mir ist. Ich erfuhr etwas, was in die Richtung ging was man eventuell Diagnose nennen könnte. Man sagte ich habe mehrere Rippen gebrochen und meine Lunge wurde verletzt,
Damit ich wieder halbwegs normal atmen konnte, sollte eine Drainage zur Lunge gelegt werden. Ein äußerst schmerzhafter Vorgang, der dann gleich nochmal wiederholt wurde, weil die Erste nicht richtig "saß". Ich habe geschrien wie am Spieß, leider hat es nicht geholfen...

Ich sollte wegen meiner Lunge unter Beobachtung bleiben und kam auf die Intensivstation, ein schönes bequemes Bett mit automatischer Höhenverstellung waren mein Luxus, die Schwestern in der Notaufnahme waren sehr lieb, hier wurden sie schon etwas kühler. Gepäck war nicht erlaubt und so musste mein Bruder der Nachts um 12 ins Krankenhaus kam alles wieder mitnehmen. Nach einem kurzem Bericht (mein Fahrrad hat einen Totalschaden und meine GPS-Uhr ist auch kaputt) musste er dann wieder gehen, aber es ist schön, wenn man nicht alleine ist. Er versprach den nächsten Tag wieder zukommen und so gab es etwas, worauf ich mich freuen konnte.

Der Besuch in der Intensivstation war nur kurz, am nächsten Morgen kam eine Schwester mit einem alten Bett angefahren und sagte mir das wäre meins. ihre Kollegen fragten noch, wo sie denn das alte Ding aufgetrieben hatte und sie machten Witze darüber.

Nach der nächsten qualvollen Umbettung kam ein "Transporter" (dafür gibt es hier extra Leute) der mich nach oben brachte in die Neurochirurgie Station C16, dort war es (oder ist es immer noch) so warm wie in einer Sauna obwohl alle Fenster und Türen offen standen. Die (Brüder und) Schwestern waren deutlich unterkühlter und ein Druck auf den Notknopf konnte schon mal 20min Wartezeit bedeuten. Wehe dem, der in Not ist!

Inzwischen hatte ich bestimmt 5-6 Ärzte kennengelernt und mehr als ein Duzend Pfleger und Schwestern. Den schlimmsten gab es gleich am selben Morgen noch. Ein namenloser Zeitarbeiter (so hat er sich meinem Nachbarn auf Anfrage vorgestellt) der Aussah wie Udo Kier hatte es mir besonders angetan, dass er seinen Job nicht liebte sah man ihm schon an, aber so gefühlsarm würde ich keinen Menschen einschätzen und vorallem nicht im Krankenhaus arbeiten lassen. Zuerst sollte ich nur ein paar Zentimeter höher im Bett liegen und er riss mit einer Schwester an meinem Bettlagen, dass ich wieder schreien musste. Als er dann etwas später kam und fragte können sie sich waschen und ich verneinte, drehte er völlig am Rad.
Er stopfte das Bettlagen mit fiesen Gedrücke auf der einen Seite unter meinen Körper und dann plötzlich auf die andere Seite zu gehen und mit einem Ruck an zwei Händen das Bettlaken komplett rauszuziehen. Ich schrie ihn an er soll sofort aufhören und gehen. Als ich vor mir her sagte, "...das gibt es nicht" antwortete er "Doch" und verlies das Zimmer...
Nun seit dem versuche die Brüder und Schwestern anzubeten und ständig zu loben, sage bei allem dreimal Danke und gebe Trinkgeld (das ist gelogen), bei dem Pfleger habe ich mich entschuldigt, damit er mir nicht eines nachts ein Kissen auf den Kopf drückt.

Zum Glück gibt es hier jeden Tag neues Personal (bisher jedenfalls) und so ist ab und an jemand nettes dabei. Für das Wochenende hatte sich meine Mutter angekündigt, dass war gut, mein Bruder wollte nämlich verreisen und so war der Freitag und Samstag schon mal nicht ganz so schlimm... Es ist schön eine Familie zu haben.
Besuche sind, wenn auch nur kurz, die beste Möglichkeit sich mal helfen zu lassen, von jemanden der es gerne macht und wo man sich nicht schämen muss.

Heute hatte ich im Zuge meiner Visite den Plan gefasst unbedingt mal zu testen, wie das alleine stehen ist.
Der angeknackste Brust-Wirbel ist zum Rückenmark unverletzt und liegt etwa da wo die Schulter anfängt gut eingebettet.
Man möchte jetzt durch Belastung (ich muss mich hinstellen) feststellen, was mit dem Wirbel passiert, hält er stand, ist alles gut und ich kann bald gehen. Fällt er zusammen muss operiert werden, dass wäre ein schwerer Eingriff auf den ich verzichten kann.
Als meine undichte Drainage wieder das halbe Bett voller Blut machte, wollte ich es tun, ich hatte gerade Glück und ein behutsame Schwester. Also fragte ich sie ob wir einen Versuch starten sollten...
Es klappte und nach ein kurzen Sitzen auf der Bettkante stand ich und schaute das erste Mal aus dem Fenster. Ich war sehr glücklich, doch nach wenigen Sekunden wurden es langsam dunkel um mich herum und ich ging wieder in Sitzposition. Mein Puls war bestimmt bei 200 denn mir lief überall der Schweiß herab und ich musste schwer atmen.

Die Drainage war leider immer noch nicht in Ordnung und so musste ich dann zur Ärztin die mir das Teil neu vernähte. Als ich zurückkam startete ich gleich einen neuen Gehversuch, denn es wurde langsam Zeit auf Toilette zu gehen. Die Art und Weise blockierte mich dann doch irgendwie und so muss ich wohl ein anderes Mal...

So "geniesse" ich hier jeden Tag auf's Neue. Die enge versüfte Toilette, wo ich jetzt jeden Tag einmal probiere, ist für die ganze Station. Schon der Gedanke ohne sie zu sehen, bringt mich zum schütteln. Die Putzfrau kommt während des Frühstück und hebt unsere Tablets an, um mit ihren stark nach Desinfektionsmittel riechende Lappen zu putzen. Glücklicherweise hatten wir bisher unsere karge Mahlzeit schon eingenommen und so musste die Frau nicht nochmal kommen.

Ich kämpfe mich mittlerweile ohne Hilfe auf die Bettkante, dazu habe ich mir ein Dreiangel über das Bett hängen lassen. Der Rückweg ist noch etwas schmerzhaft aber dafür muss ich niemand betteln. Wenn ich es erstmal allein zum Donnerbalken schaffe, ist eine weitere Etappe geschafft.

Geschafft (näher werde ich jetzt mal nicht darauf eingehen), die Nacht wollte mich nicht in ihrem Schlaf wiegen, es gibt eben auch keine Lage für gebrochene Rippen. Trotzdem geht es mir schon besser und wenn ich mal richtig schlafe, fühle ich mich auch so.

Als heute morgen "Udo Kier" hereinkam, dachte ich der Tag wäre gelaufen. Doch man glaubt es kaum, meine unberechtigte Entschuldigung hat dem Mann so etwas wie Mitgefühl gegeben, er ist zwar immer noch notorisch grob, aber er versucht freundlich zu sein.
Nachher geht es zum Röntgen, meine Drainage wurde pünktlich 6 Uhr ausgeschaltet und ich atme seit dem alleine. Es sticht und zwickt, aber es geht und wenn das Foto stimmt, kommt der Schlauch raus (oh weh, ich will nicht daran denken).

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Der Clou

Ich wurde natürlich nicht 12 Uhr geröntgt, ist ja auch nicht schlimm... das unnötige Warten vorher und nachher schon eher. Bevor es losging, gab es auf dem Zimmer noch eine Übergabe. Die eine Schwester sagt dann zur anderen welche Beschwerden die Patienten im Zimmer haben und was sonst noch so ansteht. Die Eine sagt also zur Anderen "Das ist Herr.. der wird morgen oder übermorgen entlassen..." Da war ich paff. Wann wollten die mir davon erzählen?
Dann kam schon der Transporter zum Röntgen und ich wurde mit meinen Gedanken allein gelassen.

Als ich zurück ins Zimmer kam war dort zufällig ein Arzt und ich versuchte ihn mit meinen Fragen festzuhalten. Mein Brustwirbel ist nun doch nicht so schlimm, auf die Frage wie er darauf kommt, die CT hat jetzt ergeben, es sind nur leichte Quetschungen, die selber heilen. Die Rippen bürgen leider immer noch die Gefahr wieder in die Lunge zu stechen, dann soll ich aber "einfach" den Notarzt rufen und mich in ein Krankenhaus bringen lassen.
Es gibt jeden Falls keinen medizinischen Grund mich hier zu behalten. Die Drainage bekomme ich nachher in 20-30min rausgezogen, kein Problem. Diese Zeitangabe sollte die Einzige bisherige sein, die stimmen sollte.
Meine Zimmernachbarn waren beim Abendessen und ich lag schreiend auf der Liege und die Matratze färbte sich wieder rot. Die Ärztin hatte wohl ihren 10 Stunden-Tag überschritten und es musste schnell gehen.

Nun sind 5 Tage vergangen und ich soll soweit in Ordnung sein, entlassen zu werden. Warum fühle ich mich nicht so? Ein wenig packt mich die Angst. Bei meiner Frau war ich nach und während des Krankenhauses immer da. Die Frau gibt es nicht mehr...

Der Termin meines Rauswurfs ist noch nicht bestätigt und so habe ich die Hoffnung, wenigstens bis kurz vor Wochenende nicht alleine auf mich gestellt zu sein. So einen "Pflegedienst" kann man nicht von jedem "verlangen" und ich möchte es auch nicht.

Nach der der fünften ungeschlafenen Nacht, gab es heute ca. 3,3min das Staraufgebot des Krankenhauses zu sehen. Die Chefs der Klinik gaben sich kurz die Ehre und "meine" Ärztin musst Rapport halten, wir waren schnell erklärt und alles war gut.
Langsam geht es mir auch fühlbar besser und der Aufenthalt wird automatisch erträglicher. Ich esse meine Mahlzeiten (fast) auf und brauche nicht mehr bei allem Hilfe. Heute morgen wurde wieder geröntgt, dass dürfte ein neuer Rekord sein, denn so oft wurde ich in meinem ganzen Leben nicht bestrahlt, wahrscheinlich gibt es hier ein besonders strahlungsarmes Gerät.

Normalerweise sollte ich jetzt (23Uhr) schlafen, aber gleich mehrere Gedanken verhindern dass. Meine Chefin hat heute angerufen, es war sehr rührend. Tolles Gefühl, wenn es Menschen gibt, die sich um mich sorgen und an mich denken.

Ich danke EUCH dafür.

Beinahe hat es geklappt, es war still und ich hatte eine gute Lage gefunden, doch gegen 3 Uhr morgens wurde die Tür aufgestoßen und ein Mann wurde reingeschoben. Zuerst zappte er wie wild durch den kleinen Fernseher, dann ging er rein und raus, dass wurde von ein gebrabble begleitet... "Ich nix sehen, wo Licht?"... zur Schwester "kannst du Fernseh anmachen..". oder in unsere Richtung "kannst du Fenster aufmachen?" als mein Nachbar sagte, dass er jetzt gerne schlafen möchte, war für Sekunden Ruhe doch dann ging das rasselnde Sägen los und an schlafen war nicht mehr zu denken.

Ich sehe gerade aus wie ein Yeti, mein Bruder hat mir eben das richtige "Werkzeug" gebracht, damit ich mich wieder menschlich fühlen kann...

Mein Besuch unter der Dusche hatte sich noch ein wenig herausgezogen, denn es war noch Visite. Jetzt ist klar, ich muss raus, wir haben uns auf morgen geeinigt.

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Ein "Kunstwerk" am Körper, welches unsägliche Schmerzen verursacht...

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Marc

Ohje... gute Besserung!
Ich war dieses Wochenende sogar in Hamburg und hatte schon überlegt, nicht einfach mal ne Mail zu schreiben, ob man nichtmal ein Bierchen trinken könnte :)

Hoffe Du kommst bald - und ohne Operation - wieder aus dem KKH!

26-07-2010 7:35:31

Mario

oh, schade... ich trinke zwar kein Bier, hätte Dich aber gerne getroffen.
Bin ja bald draußen, dann klappt es bestimmt mal ;-)

26-07-2010 8:44:11